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Pedanten & Chaoten
 

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Die Publikationen der Edition Splitter weisen den Weg zurück zu einer kritischen Kultivierung des Lesens, denn »lesen heißt jetzt splittern« [Burghart Schmidt].


Batya Horn & Christian Baier
(Herausgeber):

Pedanten und Chaoten.
Eine Anthologie.

Wien: edition splitter, 2008.
136 S, € 24,-- zzgl. € 4.- Versandk.(EU-weit)

ISBN 978-3-901190-50-6




Das schulmeisterliche Chaos

Hochkarätig geht es in der 4. Anthologie der edition splitter aus dem Frühjahr 2008 zu.
Bildende Künstler und Autoren wetteifern um die Gunst des Chaos und der Pedanterie.
Bild, Schrift und Text wechseln sich wie rein zufällig, doch gut durchdacht, ab.
Nur um einige der vielen Autoren der insgesamt 43 Beiträge zu erwähnen, um das wunderbar chaotische Portfolio, sowie die in sich geschlossene Ordnung dieser Anthologie zu bezeugen, seien ein paar Namen zitiert:
Der Wiener Aktionist Günter Brus, die Künstlerin und Illustratorin Angelika Kaufmann, der Musiker und ehemalige Leiter des Festspielhauses St. Pölten Renald Deppe, der Vater der Konkreten Poesie Eugen Gomringer –, der Allroundkünstler Anselm Glück, die Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die schwer vom Leben gebeutelte und bereits 1996 durch Suizid verstorbene Literatin Zofia Chudá, der Geisteswissenschaftler Klaus Kufeld, die Künstlerin und Pädagogin Regina Zachhalmel, der Schriftsteller Hanhnrei Wolf Käfer …
Der Mitherausgeber Christian Baier schrieb den anspruchvollen Essay „Zur Begriffsdefinition von Chaos und Pedanterie“ und zieht bereits die Analyse, dass das eine ohne den anderen nicht auskommt. „Die Natur hat die Ordnung ausgeprägt, um die Spur zu ihrem chaotischen Ursprung, zum Zufall ihres Entstehens, zu verwischen“ (Zitat S. 8). Im Übrigen findet sich das Wort Pedanterie im Deutschen erstmals Mitte des 17. Jahrhunderts, entlehnt aus den romanischen Sprachen Französisch und Italienisch, sowie sich der „Pedant“ aus dem Französischen „Schulmeister“ ableitet (S. 10).
Es geht um die Zerrissenheit des Chaos und die Sehnsucht nach Ordnung (S. 14 Friederike Mayröcker). Dabei wird mancher Helfer zum Mörder (S. 26 Roland Schwab), andere sind geprägt vom Geruch der Ordnung und einer Ideologie des Chaos (S. 28 Stephan Eibel Erzberg), entwickeln einen plausiblen Waschzwang (S. 74 Mechthild Podzeit-Lütjen) oder suchen einen Ausweg im Schachspiel und finden eine Lebensphilosophie im Spiel (Klaus Kufeld). Anziehung und Abneigung ergeben eine erfolgreiche Beziehung (Susanna Marchand), nicht nur wie Stan Laurel und Oliver Hardy, sondern auch als Erfolgsrezept durch permanentes Versagen, wie es uns Woody Allen zeigt (Günter Krenn).
Unter all dem Dreck und Unaufgeräumten, dem Bitzeligen und Sekkierenden fehlt jedoch nicht die Ästhetik, das Sinnliche und Erotische.
Wie es im Vorwort der beiden Herausgeber Batya Horn und Christian Baier steht und sie den Leserinnen und Lesern den schönsten Moment einer Lektüre wünschen – nämlich, „das lustvolle Selbsterkennen“ (S. 7), so kann diese Anthologie nur wärmstens weiterempfohlen werden.
Ingrid Reichel


Rezension:
"Neue Zürcher Zeitung" Nr. 68 vom 22.03.2008
Ressort: Feuilleton

Pedanten und Chaoten

Qet. Das Chaos ist die Ordnung der Unordentlichen und deren schlechtes Gewissen vielleicht nur die Tarnung der archaischsten aller Pedanterien. Wie fein die Linie ist, die die "Pedanten und Chaoten" voneinander trennt, zeigt eine vorzügliche Anthologie, die sich dem Phänomen unter diesem Titel und auf interdisziplinäre Weise nähert. Dichter, Philosophen und bildende Künstler versammelt das Buch, das mit einem Seufzer Friederike Mayröckers anhebt: "Es ist so viel in meinem Leben in Unordnung geraten im Laufe der Jahrzehnte dasz ich es nicht mehr zuwege bringe, daraus eine Ordnung zu machen", schreibt die österreichische Schriftstellerin in ihrem Text "alles zerstückt zerschmettert zersplittert zerbrochen", in dem es um einen längst legendären Schriftstellerhaushalt in Wiens 5. Bezirk geht. Der Maler Günter Brus kritzelt unter eine wüste Zeichnung den schönen Satz "Pedanten sind Kreaturen, die alles in Ordung bringen, ausser sich selbst." Von der Ordnung wissen auch die konkreten Poeten vom Schlage eines Eugen Gomringer ein Lied zu singen. In seine Formel "kein fehler im system" schleicht sich alsbald der "efhler" ein. Die Ordnung des Gedichts wird durch ihn unterlaufen und doch anagrammatisch bewiesen: Mit der Zeile "sey festh kleinr mime" endet das Poem. Das Buch "Pedanten und Chaoten" ist eine vorzügliche Handreichung für die einen wie für die anderen, aber auch für jenes sich normal dünkende Mittelmass, das beide Laster bisher verschmäht hat.

Pedanten und Chaoten. Eine Anthologie. Herausgegeben von Batya Horn und Christian Baier. Edition Splitter, Wien 2008. 136 S., Euro 24.-.




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