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Max Blaeulich

Bucevich’ Erzählungen
WAS BUCEVICH MIR ÜBER GEORG TRAKL ERZÄHLTE

Max Blaeulich:

„Zwei, drei Mal bin ich Trakl sehr nahe gekommen“, erzählte mir Bucevich, als wir im Piccolo Trieste unsere Geschäfte abgehandelt hatten. „Wie das“, fragte ich gespannt, wissend, dass er mir wieder einer seiner obskuren Geschichten servieren wird, also zog ich die Augenbrauen hoch und hörte zu.

„Es gab da eine Zeit in meinem Leben, da konnte ich den Dichter überhaupt nicht ausstehen. Damals war ich jung, dachte schreiben zu müssen und hatte Mühe mir Thomas Bernhard vom Leib zu halten. Oder Handke, den ich zu verstehen versuchte, dessen Sprache mir mehr und mehr als Zuckerwerk vorkam, wie ernsthaft ich mich auch bemühte, diese zu verstehen. Aber ich verstand leider wenig. Das war zu der Zeit, als alle auf höflich und bitte sehr und bitte schön machten, einfach ganz lieb waren. Im Gegensatz zu den zornigen Damen.

Da scheiterte ich schon bei den Lockvögeln. Die Beschimpfungskanonaden, na ja, die Beziehungskistenfabrikanten und Befindlichkeitshändler breiteten ihren Kram aus – Talmi. Die Zeit des Herumstreifens in der Literatur neigte sich dem Ende zu, Faulkner, Hohl, Ionescu, dort hielt ich mich auf. Als Antiquar, ein Beruf, dem es eigen ist, sich mit vergangenen Epochen zu beschäftigen, war ich immer wieder mit den Expressionisten konfrontiert.

Und siehe da, auf einmal störte mich Wehmut und Traurigkeit bei Trakl nicht mehr. Ich ließ die Sprache klingen, tönen und schweben. Ich konnte eintauchen in die Melancholie einer Landschaft rund um den Gaisberg,‚die zum Träumen stimmt und tröstet… als wäre zu allen Jahreszeiten Herbst in ihr‘. Ähnlich stahl ich mich weg in Trakls Gassen, auf die Felder, in die Buchenwälder, ins gefallene Laub, ins Gold und Rot und Dunkel.

Allerdings: arbeiten musste ich auch irgendwann. Daher konnte ich mich nicht vollends in den Rausch der Melancholie fallen lassen, weil ich sonst keine Kraft mehr gehabt hätte, meine Streifzüge durch die zum Verkauf anstehenden Bibliotheken fortzusetzen. Da musste ich alle Sinne beieinander haben, da musste kalkuliert, gehandelt und gefeilscht und Bücher geschleppt werden. Aus diesem Grund taugte ich nicht als Jünger Trakls. Von Zeit zu Zeit legte ich die Erstausgaben seiner Schriften weg – eine Hommage und Reminiszenz – und begann eine kleine Sammlung.

Das Erreichbare erreichte ich, die wichtigsten Schriften sind vorhanden und das Unerreichbare, weil kaum finanzierbare an Autografe ließ ich vorbeiziehen. Nein, halt! Als noch ganz junger Antiquar, kam mir eine Postkarte in die Hände, kein wichtiger Text, aber immerhin von der Hand Trakls.

Freilich ärgere ich mich, dass ich der Handschrift Valet sagte, wie unlängst, ich in kleinlicher Weise ein Widmungsexemplar von Trakl ziehen habe lassen. Das kam so: Ein Antiquar bot anlässlich einer Messe das Heft zu einem horrenden Preis an. Es war zwar die Erstausgabe seiner Gedichte in Kurt Wolffs Reihe ‚Der jüngste Tag‘, ein Heft, das nicht so selten ist, aber mir überteuert schien.

Ich hörte weg, da ich gerade eine Kokoschka-Zeichnung in Altenbergs ‚Ashantee‘ von einem anderen Händler zu kaufen trachtete. Es waren keine fünf Minuten vergangen, als ich am Stand des Händlers wieder vorbeiging und fragte, warum das Buch so teuer sei. Während dieser fünf Minuten meiner Unachtsamkeit hatte er es verkauft. Er antwortete knapp: ‚Weil es sich um ein Widmungsexemplar für Ludwig Thoma gehandelt hatte.‘ Da stand ich begossen da. Das war also das Unerreichbare und ich musste über meine Unfähigkeit lachen.

Andererseits gab es auch für mein snobistisches Unternehmen – Erstausgaben zu sammeln ist snobistisch, noch dazu mit Schutzumschlägen – durchaus Momente, wo ich Trakl, fast möchte ich sagen, leibhaftig näher kam. Da war einmal die Frau Larcher, deren Vater, ein gewisser Franz Bruckbauer, Mitglied der Dichterrunde ‚Minerva‘, wohnhaft in der Salzburger Steingasse, mit Trakl befreundet war. Trakl habe ihm einige Gedichte zur Verwahrung gegeben. Allein, die Frau Larcher, Bruckbauers Tochter, die mir jenes erzählte – ich saß wie auf Nadeln –, fand die Schachtel mit den Traklsachen nicht mehr.

Ich Narr, dachte ich mir und lachte über meine Illusionen. Ein Freund schrieb, als ich ihm davon erzählte, auf die Marmortafel, die das Tor als Steintor bezeichnet, mit Fettstift: ‚Dich singe ich wilde Zerklüftung…‘, als wollte er mir ironisch bescheiden: ‚Nacht‘ ist mein Freund. Jedenfalls war die Angelegenheit mit einer gewissen Frau Mayer, einer mondänen Dame, mit lila gefärbten Haarspitzen und cremefärbigen Mercedes Kabriolett und roter Lederpolsterung, erfreulicher.

Sie behauptete, ihre Eltern, seien mit jenen Trakls gut bekannt gewesen, insbesondere mit Fritz, dem Bruder Georgs. Aus dieser Bekanntschaft stammen daher zwei Bände aus der Bibliothek Georgs, die sein Exlibris trügen, ‚das nämlich Kokoschka verfertigt hätte‘. Sie verwechselte Kokoschka mit Max von Esterle, aber dieser Umstand brachte sie nicht vom horrenden Preis ab. Und ich kaufte und hoffte darin wenigsten einige Marginalien von Trakls Hand zu finden, doch ich fand keine. Entweder er hatte diese Bände nicht gelesen oder er war einer, der nur taufrische Exemplare sammelte.

Trotzdem bin ich durch Baudelaire und Villon – um diese Bände handelt es sich – Trakl sehr nahe gekommen, fast leibhaftig, wie gesagt, denn er muss sie in Händen gehabt haben. Dann war es die Verlassenschaft Jungmair, dessen Erben alles verschleuderten, bis auf Trakl, denn wie die Nachlasswalterin sagte, auch Jungmair sei mit ihm bekannt gewesen. Stimmts? Ich weiß es nicht. Sie reichte mir wie zum Beweis, die von Röck herausgegebene Trakl-Gesamtausgabe und wollte sehr viel mehr Geld, als dieser Band wirklich wert ist. Ich zahlte trotzdem die geforderte Summe und weil ich eben widerstandslos gezahlt hatte, vermutete sie, dass sie kein gutes Geschäft gemacht hätte. Verdrießlich sagte sie: Wahrscheinlich werden Sie ein x-faches verlangen. Ich lachte, schlug das Buch auf, nahm die Zeitungsausschnitte der darin gesammelten Nekrologe von Buschbeck, Kraus und Ehrenstein heraus, gab das Buch zurück und sagte: Das Buch ist es mir nicht wert, wert aber sind es mir diese vergilbten Zeitungsausschnitte, weil diese nicht mehr gesammelt werden können.

Diese drei Frauen, die mir Trakl so nahe brachten schenkten mir Glück, wie seine ‚Drei Träume‘. Heute lese ich nichts mehr von Trakl. Zu herbstlich. Die Sammlung ist abgeschlossen, weiteres wird nicht hinzukommen.“ Er legte mir die Bände zusammen mit einem Zettel auf den Tisch, auf dem nicht nur der Preis, sondern auch ein Gedicht vermerkt war:


Das satte Licht des Septembers
Legt sich auf das Geäst der Worte
Die beginnen …
Sie beenden
Und Verschwinden
Im Himmelsgrün durch das die
Containerschiffe wechseln
Als die Triestinerin ihren Mann schimpft:
Wegen dem Fleckputzmittel
Der lacht und mit der Hand deutet er ihr
Sie soll doch endlich ihren Mund halten
Das satte Licht des Septembers
Liegt auf dem steinigen Strand der Sprache
Und schlummert ein wenig


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