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SCHAUSPIEL THEATER

Die Alchemie des Theaters
IST DER THALIA IN DER SPASSGESELLSCHAFT DAS LACHEN VERGANGEN?

von Peter Back-Vega:

Eines, fürchte ich, ist der Muse über all der Küsserei vollkommen abhanden gekommen – zumindest bei ihren Deutschen Jüngern: der Humor.

Im zeitgenössischen Deutschen Theater hat der keinen Platz mehr. Gelegentlich als Import aus Frankreich oder den USA (England ist in dieser Hinsicht leider auch nicht mehr,was es mal war), oder im Film (haben Sie kürzlich „Mrs. Henderson Presents“ gesehen? – Und natürlich immer wieder Woody Allen).
Peter Back-Vega
Peter Back-Vega

Aber deutsche Texte oder Musiktheaterstücke?
Was unterhaltsam war, sein könnte oder gar ist, wird verleugnet.
Aus Operetten müssen Antikriegsstücke werden, Komödien werden einfach auf Deutsch nichtmehr geschrieben, und wenn, wie Felix Mitterers wunderbare „Weberischen“, dann werden sie sofort als etwas etikettiert, was wie Musical, Boulevard, Kabarett, Fernsehunterhaltung, einfach für alle Hochkulturellen „pfui-bäh“ ist! Ein Theatermann aus Südafrika hat einen Witz erzählt: „Ein deutscher Regisseur hat eine deutsche Komödie auf die Bühne gebracht / das Publikum hat an dem Abend dreimal gelacht...“

Wenn sich bei uns ein Intendant traut, ein Stück, das auch nur im Entferntesten unterhaltsam oder gar lustig sein könnte (oder als solches sogar seit Generationen bekannt ist), auf den Spielplan zu setzten, braucht er sofort eine Begründung, um nicht zu sagen: eine Entschuldigung! Er legt schon bei der Pressekonferenz dar, dass dieses „Stück“ – die Bezeichnungen Operette oder Komödie werden peinlichst vermieden, der Name Offenbach etwa, der für ältere Semester noch Synonym für freche, leichtsinnige Unterhaltung sein könnte, ebenfalls – dass also dieses Stück voller zeitgemäßer Themen ist, über die Ausbeutung des weiblichen Körpers, über die Dekadenz des Westens und die psychische Verrohung allgemein...

Sollte er damit noch nicht glaubwürdig genug jeden Unterhaltungswert heruntergespielt haben, so liefert der Regisseur der Aufführung durch eine garantiert humorfreie, politisch konstruierte Konzeption und durch drastisches Ausspielen der oben erwähnten Verrohung die „Begründung“ nach.

Manchmal, wenn das Publikum oder der Verlag, durch den gelegentlich ein Stück noch geschützt wird, zu heftig protestieren, versucht der Intendant, zu behaupten, er habe nicht geahnt, was daraus wird! Aber er hat, um beim Feuilleton der eigenen Stadt und noch mehr um überregional zu punkten, gerade diesen Regisseur (berühmt für seine Eigenwilligkeiten) engagiert, wohl wissend, ja genau genommen darauf spekulierend, was der daraus machen wird! Nicht nur bei der Operette, bei Mozart passiert das ebenso wie bei Lessing.

Es hat sich zwar längst herumgesprochen, dass sich „der Abonnent“ in den seltensten Fällen noch provozieren lässt, nur gegen offenkundige Dummheiten gelegentlich lässig protestiert. Aber das absolut Verblüffende ist, dass er sich diesen Etikettenschwindel, obwohl längst durchschaut, weiterhin gefallen lässt. Sich auch über Jahrzehnte hinweg nicht vom Theaterbesuch abbringen lässt.

Die Leidensfähigkeit der „60+“ scheint unbegrenzt, wenn etwas nur als „Kunst“ deklariert ist, oder wenn der Kritiker,auch er längst ein fester Bestandteil dieses Spiels, etwas ie „Gesellschaftskritik“ oder „politisches Engagement“ herausliest, was man selbst beim Zuschauen nicht hineingeheimnissen konnte. Die Theaterstatistik verrät Anderes. Der Besuch der öffentlich unterhaltenen (eben nicht unterhaltenden!) Theater ist massiv gesunken (und sinkt stetig weiter) und wenn nicht zur gleichen Zeit Jugend und Musical-Theater landauf, landab die Besucherstatistik auf demselben Stand von etwa 38 Millionen Theaterbesuchern pro Jahr) gehalten hätten, sähe es im deutschsprachigen Raum für die Zukunft Thaliens düster aus.

Spaß können wir ja in unserer Gesellschaft angeblich überall und jederzeit finden. Komisch, dass das so selten gelingt. Eine Ministerin hat kürzlich sehr feinsinnig dekretiert, die jungen Leute sollten nicht so viel auf Partys gehen, sondern lieber Familien gründen. Aber gerade das Abhandenkommen der Familie, der Gemeinsamkeit, ist ja der Grund, warum so viele junge Leute Anschluss, Gesellschaft und Zerstreuung suchen – weil ihnen die Decke in ihrer „Garconniere“ (ein kaum mehr gebräuchliches, aber stimmiges Wort) sonst auf den Kopf fällt!

Deshalb gehen noch so viele junge Menschen erst einmal ins Gasthaus, dann aber auch in die Theater (und eben fast die Hälfte in „Unterhaltungsbuden“), suchen dort „Wir-Gefühl“ in der gemeinsamen Musik, im Zuhause-Sein in einer Geschichte, in der Vertrautheit mit einem Ensemble. Noch sind auch viele bereit, neben den Rundfunk- und Fernsehgebühren, neben Video- und DVDMiete, doch beträchtliche Beträge hinzulegen, um sich etwas vorspielen zu lassen.

Dort sitzt man nicht exklusiv und elitär, sondern in großen Gruppen von mehreren hundert Leuten. Dort sucht man ein gemeinschaftliches Erlebnis, neben dem Sportfeld, dem Kino, oder einem Popkonzert – all das ist ja auch Theater (aber meist „spaßiger“). In einer „68er“-Jugend ist man noch bis in die Mottenkiste des Kommunismus gekrochen, um zu begründen, warum dem Bürgerturm sein Spaß im Halse stecken bleiben sollte: Unterhaltung war „Eskapismus“ vor den Schrecknissen der Welt, Beschönigung der Herrschenden Klasse.

Maler, Musiker und Dichter, Künstler haben sich damals so deklariert, die Wiener Aktionisten oder die Wiener Gruppe, Konrad Bayer, Artmann, der junge Turrini... Das war damals notwendig – aber heute? Ausgerechnet die, die nicht selbst kreativ sind, sondern nur interpretierend Kunst reproduzieren, ausgerechnet die Regisseure (Dramaturgen, Intendanten, die Darsteller und auch die Kritiker!), ausgerechnet diese haben im Theater die pubertäre Haltung auch fast vierzig Jahre später nicht überwunden!

Das Transportmittel „Unterhaltsamkeit“ wird von den weder psychologisch noch didaktisch geschulten, immer aber belehrenden Interpreta-Toren nicht genutzt. Das was sich freimütig als Unterhaltungstheater deklariert, wird mit einer ebenfalls antiquierten 68er-Bewertung als „kommerziell“ abqualifiziert. Spannung, atemlose Stille, Gelächter; Etwas vorzuspielen und mit Hilfe musikalisch angefachter Emotionen zu erzählen; gemeinsam Stimmungen wahrzunehmen und zu erleben, jede Reaktion, Beifall oder Buh-Geschrei: Dies alles zusammen ist das Geheimnis des Theaters, und die Basis dafür dürfen wir nicht verlieren, uns nicht wegbegründen lassen – den gemeinsamen Humor.


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